INTERVIEW

von manufakturlab mit Roswitha Holly

Frau Holly, Sie haben viele Jahre als Expertin für Antiquitäten, Jugendstil & Design im Auktionshaus im Kinsky, einem der renommiertesten und schönsten Auktionshäuser im deutschsprachigen Raum, gearbeitet. Was ist Ihre Basis und was genau fasziniert Sie so am Einrichten?

Während meines Kunstgeschichte-Studiums habe ich mich auf barocke Architektur und Adelskultur spezialisiert und durfte in diesem Zusammenhang einige private Schlösser besichtigen. Bei diesen Besuchen galt mein Interesse meist weniger der Architektur selbst, sondern wie die jeweiligen Besitzer die meist sehr imposanten Räumlichkeiten mit Möbeln und Kunstwerken aus mehreren Jahrhunderten bewohnbar machten. Mich hat die Vorstellung fasziniert, Kunst und Antiquitäten nicht nur im Museum aus der Distanz zu betrachten, sondern diese in den Alltag zu integrieren, für sie ein Umfeld zu schaffen und dadurch erlebbarer zu machen. Dadurch hat sich auch der berufliche Weg in den Kunsthandel und hier insbesondere die Spezialisierung auf Antiquitäten und Jugendstil-Objekte als vorerst logische Konsequenz ergeben.

Sie haben es schon angedeutet, an welchem Punkt haben Sie entschieden, sich mit Ihrem eigenen Interior Studio selbständig zu machen?

Ich glaube, in jeder Karriere kommt einmal der Punkt, an dem man sich fragt, ob man bereits am beruflichen Höhepunkt angekommen ist oder ob es noch andere attraktivere Möglichkeiten gibt, sich in seiner Arbeit zu verwirklichen. Vor einigen Jahren erreichte ich diesen Punkt und beschloss, meine Kreativität und private Leidenschaft zu meiner neuen berufsmäßigen Beschäftigung zu machen. Nach einer mehrsemestrigen Ausbildung als Interior Designerin war es dann soweit.

Jedes Unternehmen hat seine ganz eigenen Herausforderungen zu bewältigen. Welche Hindernisse oder Herausforderungen mussten Sie überwinden um sich von den Mitbewerbern abzusetzen?

 

Die Liebe zu Antiquitäten und zum Jugendstil sowie meine langjährige Expertise auf diesem Gebiet haben es mir leicht gemacht, meine Nische zu finden. Wie Sie richtig sagen, ist dies wohl für jedes neugegründete Unternehmen wichtig, um sich von der Konkurrenz abzuheben. Meine spezielle Nische ermöglicht es mir, andere Kunden als jene der Mitbewerber anzusprechen. Dies ist bei einem beruflichen Branchenwechsel wie in meinem Fall, um so erforderlicher.

INTERIOR DESIGN KONZEPT

Frau Holly, Sie haben für sich diese sehr spannende unternehmerische Nische gefunden. Erzählen Sie uns von Ihrem sehr speziellen Angebot und natürlich auch von Ihrem maßgeschneiderten „Personal-Service“.

 

Genau, darüber bin ich auch sehr glücklich. Da jeder meiner Kunden für mich speziell ist, wollte ich auch mittels meiner Angebote dem gerecht werden. Daher habe ich mir ganz individuelle Packages überlegt. Natürlich können auch nur einzelne Elemente gebucht werden, da bin ich sehr flexibel. Das verbindende Element all dieser Pakete ist meine Spezialisierung auf Interior Design, das Antiquitäten mit modernem Design stilsicher, harmonisch und extravagant verbindet.

 

Im Detail sieht das so aus: Als Startpaket empfehle ich ein Interior Design Konzept bei dem es darum geht, die individuellen Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen abzuklären und Fragen des persönlichen Geschmacks und Stils zu besprechen. Auf Basis dieses Gesprächs überlege ich, wo wir vorhandene und neue Einrichtungsgegenstände bestmöglich platzieren können und an welcher Stelle und in welcher Form Sammler- oder andere Lieblingsstücke perfekt inszeniert werden. Außerdem sammle ich Ideen für Wandgestaltungen und exklusive Dekorationen. Abschließend präsentiere ich das neu entwickelte Einrichtungs- und Farbkonzept anhand eines kolorierten Stellplans, einer 3D Visualisierung sowie Moodboards bzw. Materialcollagen.

Dann gibt es noch Personal Shopping, Concierge Service und Art Tracking.

PERSONAL

SHOPPING

 

Beim Personal Shopping erstelle ich einen Shopping Plan mit präzisen Vorschlägen für Möbel, Accessoires und andere Raumgestaltungsmöglichkeiten. Der Kunde bekommt von mir eine Liste mit Herstellern und Kaufpreisen. Und wenn gewünscht begleite ich den Kunden auch sehr gerne beim Einkauf.

CONCIERGE

SERVICE

 

Unter dem Begriff Concierge Service, verbirgt sich ein sogenanntes „sorglos Paket“, d.h. ich erledige in Absprache mit dem Kunden die notwendigen Bestellungen und kümmere mich um die Auftragserteilungen und die Aufsicht der Handwerker. Sollten Restaurierungsarbeiten an alten Möbeln oder anderer Antiquitäten notwendig sein, beauftrage ich professionelle und lang bewährte Restauratoren.

ART

TRACKING

 

Und dann gibt es noch Art Tracking, hier biete ich eine professionelle Kunstberatung und begebe mich in meinem engen Netzwerk von Kunst- und Antiquitätenhändlern auf die Suche nach bestimmten Kunstobjekten bzw. Antiquitäten, die das Wohnen und Arbeiten schöner machen.

Ihr sehr individuell ausgerichtetes Interior Studio hat seinen Sitz derzeit in Wien, kann Ihre Expertise, ihr Angebot auch außerhalb von Wien in Anspruch genommen werden?

 

Selbstverständlich, das mache ich sogar sehr gerne. Ich möchte all jene ansprechen, die sich gerne mit historischen Einrichtungs- und Dekorationsgegenständen, Kunst und modernem Design umgeben, die ein Bedürfnis nach individuell gestalteten Innenräumen haben und die, so wie ich, Freude daran haben, Neues zu entdecken und Altes zu bewahren.

Wer sind Ihre Kunden?

 

Meine Kunden lassen sich eigentlich nicht so recht auf einen bestimmten Kreis eingrenzen. Ihnen allen gemeinsam ist der Wunsch nach hoher Lebensraumqualität mit großem Interesse für die alte und neue Kunst und das moderne Design. So enthält mein Portfolio sowohl Raumkonzepte für den privaten Wohnbereich, angefangen vom kleinen Zimmer bis hin zu kompletten Wohnungen, als auch für öffentlichere Räume, wie etwa Warteräume in Arztpraxen, Kanzleien, Showrooms, Lobbys oder Lokale. Dazwischen finden sich aber auch durchaus Projekte in der Hotel- und Immobilienbranche, deren Räumlichkeiten durch kreatives, ansprechendes Interior Design einen starken Mehrwert erhalten.

 

Zum Wohlfühlen gehören unsere Sinne. Mit ihnen nehmen wir nicht nur unsere Umgebung und das Ambiente wahr, sondern wandeln diese Eindrücke unbewusst in ein Wohlgefallen oder Missfallen um, ist das für Sie ein wichtiges Thema? Bedarf es dazu einer „Stilistischen Schlüssigkeit“?

 

Unbedingt! Und das hat nichts mit Fengshui zu tun, im Gegenteil. Mittlerweile ist es wissenschaftlich untermauert, dass wir Menschen auf die vielfältigsten Reize und so auch auf Atmosphäre in Räumen reagieren. Die Rolle des Geruchssinns, wurde lange sträflich vernachlässigt. Gerade wo es um Atmosphäre geht oder auch im Handel, wird ungemein viel mit Gerüchen gearbeitet und auch die Duftkerzenindustrie boomt. So ist es auch mit der Atmosphäre einer Umgebung, das sogenannte Ambiente wirkt sich unglaublich auf unser Wohlbefinden aus, d.h. ob wir uns entspannen können, ob wir uns „zuhause“ fühlen. Hier versuche ich mit meiner Expertise und mittels eines stilistisch stimmigen Konzeptes die Raumkultur positiv zu beeinflussen. Das heißt nicht, dass man nicht einen Material- und/oder Stilmix machen darf, im Gegenteil, ich finde gekonnte Brüche sehr spannend und sie unterstreichen die Individualität. Zum Beispiel kann man alte Bilderahmen durchaus auch mal als umgearbeitetes Wandregal zweckentfremden oder barocke Möbel mit zeitgenössischem Design kombinieren.

 

Sie arbeiten aber auch mit Unternehmen zusammen. Da stellen sich ja ganz andere Themen, denn eine Arztpraxis ist kein Büro, eine Kanzlei ist kein Shop usw... Unternehmen müssen zudem häufig repräsentieren und Erwartungen erfüllen. Dazu kommen noch funktionale Herausforderungen wie z.B. Geräuschkulisse, Diskretion, Materialien, Reinigung, ...

 

Es stimmt, dass Innenräume in Unternehmen ganz andere Anforderungen mit sich bringen als jene in Privathäusern. Doch so wie ein Privathaus, eine Wohnung nicht dem/der anderen gleicht, steht auch bei den Raumkonzepten für Unternehmen, Shops oder Lokale die Individualität an hoher Stelle. Sicherlich gelten für Unternehmen andere Regeln in Bezug auf gesetzliche bedingte Vorlagen und die angesprochenen funktionalen Notwendigkeiten. Da der Aufenthaltsgrund und vor allem die -dauer in diesen Räumen meist weitaus kürzer ist als in Wohnungen, können diese dafür aber auch extravaganter gestaltet werden.

 

Oft sind ja die vermeintlichen Kosten schon eine Hemmschwelle um sich an eine Einrichtungsexpertin zu wenden? Durch die Verbindung von Tradition und Moderne kreieren Sie sehr individuelle und auf den Kunden maßgeschneiderte Räume. Damit, denke ich, agieren Sie automatisch im oberen Segment. Wie treten Sie dem entgegen? Es gibt ja das Sprichwort: Mit Geschmack und Geschick lässt sich auch mit kleinem Budget durchaus Schönes bewirken. Ist für Sie ein kleines Budget eher anstrengend oder sehen Sie es als Herausforderung?

 

Das ist richtig, aber man darf nicht vergessen, dass Qualität nun mal auch ihren Preis hat. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass die gesamte Planung nur auf hochpreisigem Niveau anzusiedeln ist. Ich versuche nach Möglichkeit bereits bestehende qualitativ hochwertige Möbel – mit Vorliebe natürlich Antiquitäten – und schöne (künstlerische) Accessoires in meine Konzepte zu integrieren und diese eventuell auch in einen komplett neuen Kontext zu bringen. Diesen Bereich meiner Arbeit finde ich besonders reizvoll und spannend, da diese Stücke zur ganz persönlichen Geschichte des Besitzers gehören und den Raum somit unverwechselbar und gelebt erscheinen lassen können.

 

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Schwierigkeiten für die Menschen von heute, in Bezug auf Wohnen und wie unterstützt Ihr Concierge Service die Kunden?

 

Der Faktor Zeit ist gerade bei Unternehmen, aber auch immer mehr im privaten Bereich ein wesentlicher Punkt. Dazu kommt die Informationsflut wie Magazine, Socialmedia, Werbung usw., die die Menschen verunsichert und von ihren eigentlichen Bedürfnissen entfernt. Nicht zu vergessen Freunde, Familie, Kunden die natürlich auch oft „beeindruckt“ werden wollen. Mit meinem Concierge Service versuche ich daher gemeinsam mit dem Kunden seine persönlichen Wünsche zu eruieren und ihn soweit als möglich auch zeitlich zu unterstützen. Dazu zählen zum Beispiel das Upcycling von alten Stücken, die besonders wertvoll oder interessant sind, aber eben in die Jahre gekommen, genauso wie das Finden von exklusiven oder ganz konkreten Wunschobjekten. Aber auch die Einordnung eines Gegenstandes wie zum Beispiel das Alter, die Herkunft, den ungefähren Marktwert betreffend.

 

Viele Kunden vergessen beim Einrichten oft die Wände, wie stehen Sie zu Farben, Tapeten oder jetzt gerade wieder sehr im Trend: Holzverkleidungen. Wie gehen Sie generell mit Trends um? Kunden lassen sich ja gerne von Magazinen inspirieren?

 

In meinen Interior Design Konzepten spielt die Wandgestaltung eine bedeutende Rolle und ich bin sehr froh, dass die über viele Jahrzehnte als altmodisch abgestempelte Tapete wieder eine Renaissance erlebt. Farbe, Struktur und Muster an den Wänden können selbst unglücklich geschnittene, dunkle Räume unglaublich spektakulär erscheinen lassen und diesen eine ganz besondere Atmosphäre verleihen.

 

Die erwähnten Wohntrends oder auch Fachmagazine sind eine nicht zu unterschätzende und wertvolle Inspirationsquelle. Zu diesen zähle ich aber nicht nur Stilrichtungen der letzten Jahre oder Jahrzehnte, sondern auch historische Einflüsse. Mir ist es wichtig, diese nicht plakativ nebeneinander zu stellen, sondern gezielt einzusetzen und miteinander zu kombinieren. Wer möchte schon gerne ein Interieur mit Jahresstempel, das nach kurzer Zeit schon wieder „out of fashion“ ist?

Für Leser, die sich überlegen ihre Wohnung oder ihr Office neu zu gestalten, was würden Sie als ersten Schritt empfehlen?

 

Durch die im Internet nicht endend wollende Flut an Fotos für Innenraumgestaltung liegt die Versuchung nahe, etwas Bestimmtes genauso haben zu wollen, wie es auf dem Foto dargestellt wird, ohne kritisch darüber nachzudenken, ob der gezeigte Innenraum oder das gezeigte Möbel wirklich praktisch und dem Umfeld entsprechen stilistisch oder farblich passend ist. Fotos von Innenräumen sind selbstverständlich eine wichtige Inspirationsquelle und helfen uns, den gewünschten Stil näher zu definieren. Dennoch rate ich in einem ersten Schritt die konkreten Bedürfnisse den Raum betreffend klar zu definieren. Das heißt: Welche Bewegungsabläufe gibt es? Was muss alles untergebracht werden? Ist es ein Ort der Erholung oder soll er mir Energie bringen? Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass solche und weitere Fragen am Beginn gestellt, den Prozess erleichtern und das Ergebnis dann auch wirklich den Vorstellungen entspricht.

 

Wann und was hat Sie das letzte Mal inspiriert?

Im Grunde werde ich ständig und auf unterschiedlich Weise inspiriert: Beim Spaziergang durch die Stadt, beim Durchblättern von Wohn- oder Modemagazinen, beim Ansehen von Fotos in der Fachliteratur, beim Besuch von Museen oder Ausstellungen etc. Die letzte sehr anregende Ausstellung war die Retrospektive Koloman Mosers im MAK Wien, dessen Entwürfe auch nach hundert Jahren noch als modern durchgehen.

 

Haben Sie einen Lieblingsort?

 

Zum Glück gibt es für mich einige Orte, an denen ich mich sehr gerne aufhalte und wohlfühle. Spontan fällt mir aber das Pantheon in Rom ein. Der Raum strahlt durchaus etwas Magisches aus, wenn um die Mittagszeit das Licht durch die runde Öffnung in der Kuppel einfällt und diese scheinwerferartig von innen beleuchtet.

 

Welche Designer begeistern Sie persönlich?

 

Einer meiner absoluten Lieblingsdesigner ist der Italiener Piero Fornasetti, der ab den 1950er Jahren oftmals in Kooperation mit Gio Ponti unglaublich beeindruckende Entwürfe für Möbeln, Wohnaccessoires und ganze Interieurs schuf. In den 1970er Jahren eröffnete er ein eigenes Verkaufslokal in Mailand, das zum Glück heute noch unter der Führung seines Sohnes Barnaba existiert. Besonders reizvoll finde ich, wenn Alltägliches oder scheinbar Normales plötzlich ins Skurrile abgleitet und genau das ist bei vielen Entwürfen Fornasettis der Fall. Auch der allseits präsente Bezug auf vergangene Epochen, der einen interessanten und oftmals auch sehr gewagten Stilmix ergibt, spricht mich sehr an.

Die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für Möbel, Gebrauchsgegenstände und Dekorationsobjekte verantwortlichen Entwerfer würden heute wohl auch als Designer bezeichnet werden. Ich wäre kein Jugendstil-Liebhaberin, wenn ich unter den österreichischen Entwerfern Josef Hoffmann nicht erwähnen würde. Abgesehen von seinen für die damalige Zeit äußerst modernen und eleganten Schöpfungen war er wegweisend für die zukünftigen Entwerfer-Generationen und wird bis heute in zeitgenössischen Designs zitiert.

Ein von mir noch mehr geschätzter „Designer“, dem die Strenge und Klarheit der Formen weitgehend fremd zu sein schien, war Dagobert Peche. Seine recht eigenwilligen Entwürfe für Möbel und Einrichtungsgegenstände zeigen oftmals Reminiszenzen an den reichen Formenschatz der Barock- und Rokokozeit. Auch hier ist es der verspielte, manchmal richtig bizarre Stilmix, der für mich den Reiz ausmacht.

 

Diversität statt Schubladendenken?

 

Eindeutig Diversität, für mich gibt es nichts Schöneres als in unterschiedlichen Schubladen zu wühlen, zu kombinieren oder ganz neu zusammen zu stellen und dadurch eine neue „Sprache“ zu entwickeln.

 

 

Herzlichen Dank für das Gespräch!

manufakturLab im Vorfeld zur Salone del Mobile.Milano 2018